Sonntag, 26. Mai 2013

I don't now if I already told you this, Lydia, but this library is a madhouse.

In meinem Kopf schwirren kurze Augenblicke, flüchtige Momente und abgeschnittene Liedzeilen umher. Alles durcheinander, aber ein jedes schöner als das andere. So ist es wohl, wenn einen die Fremde freundlich willkommen heißt und man plötzlich übergossen wird mit Eindrücken. Gerne würde ich all das mit meiner hochverehrter Leserschaft teilen, aber leider sind die magischen Denkariums noch nicht unserer Welt angekommen. Eine Schande ist das. Denn so bin ich allein gelassen mit einzig und allein Worten und Bildern um zu erzählen, was in einer Woche hier geschehen ist. Vor der unumgänglichen Unvollständigkeit dieses Berichts sei daher gewarnt. 

Mein Leben in Edinburgh begann am Sonntag. Es begann mit einer mir aus Kinder- und Jugendtagen urvertrauten Routine: dem Gottesdienst. Anne nahm mich mit in ihre Gemeinde, St. Johns: Eine wunderschöne Kirche gelegen an der Princes Street mit einem grandiosen Chor und einem deutschen Pfarrer. (In Schottland kennt jeder mindestens einen Deutschen, ist mit einem Deutschen/ einer Deutschen verheiratet, hat deutsche Großeltern oder hat mal im Krieg gegen Deutsche gekämpft.) Nach dem Gottesdienst trafen wir uns dann mit Freunden in einem Café. Dort lernte ich Patrick kennen, den wohl britischsten Briten, der mir je begegnet ist. Absolut charmant und immer einen wunderbaren Witz auf Lager, leider aber weit über siebzig, erzählte er mir von seinen Besuchen in Berlin vor ein paar Jahren. Da vor ein paar Jahren aber 1964 bedeutet, konnte ich wenig beitragen, nickte nur und lachte viel. Außerdem ist der schottische Akzent nun auch nicht so einfach zu verstehen..
Als dann der letzte Tropfen Tee getrunken war, machten wir uns zu einem Spaziergang auf. Der dauerte bis in den Abend hinein und so und ich begann mir den Kopf darüber zu zerbrechen wie grandios ich an meinem ersten Arbeitstag scheitern würde. Gott sei Dank war der Spaziergang so lang! Bevor ich das Szenario der abbrennenden Nationalbibliothek (natürlich wegen mir) erreicht hatte, schlief ich schon tief und fest.

Montagabend war mir dann auch klar, dass ich mir all diese Gedanken nicht hätte machen müssen. Almut Boehme, meine Betreuerin und Leiterin der Music Collections, ist eine unglaublich nette Frau und wirklich schlimme Probleme kann und wird es nicht geben. Mit diesem wohlig-warmen Gefühl warfen wir uns dann in den Papierkram. Das dauerte dann auch eigentlich den ganzen Tag, wurde aber gnädigerweise immer von Teepausen unterbrochen.
An den folgenden Tagen war ich sozusagen Almuts Schatten und folgte ihr einfach überall hin, lernte wo ich was wie bekommen konnte und was die großen Projekte waren, die vor uns lagen. (Und dass man viele Mitarbeiter mit deutscher Schokolade bestechen kann.) 
Die Umstrukturierung der schottischen Nationalbibliothek, die vor kurzem stattfand, verursacht die meisten meiner Aufgaben. Erst einmal gilt es den "office move" zu beenden und alles an Ort und Stelle zu bringen, dann müssen Kataloge in neue Schränke umgelagert werden und auch Metadatenerfassung steht für die kommenden Wochen auf dem Plan. Über mangelnde Beschäftigung werde ich mich also nicht beklagen müssen.
Ich habe in dieser Woche auch einige Abteilungen kennengelernt und durfte an vielen Besprechungen teilnehmen. Das hat nicht nur mein Ohr für schottische Akzente geschult, sondern mir auch einen wertvollen Einblick in die Hierarchie und Arbeitsweise der Bibliothek gegeben. 
Nach dieser Einführungswoche bin ich nun also sehr gespannt auf morgen, denn dann geht die Arbeit richtig los. Und dann gibt es auch wieder teabreaks. 

Umsiedlungsprojekt.


Ein Highlight etwas abseits der Arbeit war der Dienstagabend: Anne hatte mich zum Essen einer Gemeindegruppe eingeladen. Nichtsahnend, aber hungrig fuhr ich also zur Wohnung des Pfarrers und lernte im Verlauf des Abends folgende Dinge:

1. Britische Pfarrer leben in sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr großen Wohnungen. 
2. Wenn man aus Berlin kommt, muss man auf gewisse Fragen gefasst sein:
    Berlin is quite nice without the wall, isn't it?
3. Es gibt Menschen, die sich persönlich schuldig fühlen für das Unrecht der Thatcher-Ära, weil sie damals für sie wählten.
4. Wenn man beim Krankenhausradio arbeitet sollte man auf Frank Sinatras "My Way" verzichten. Die erste Textzeile ("And now, the end is near...") machen viele der Patienten zu nervös.

Ich würde gerne noch viel mehr schreiben (zum Beispiel über meinen Besuch in der Nationalgallerie, das Konzert des Kirchenchors, das mir Tränen entlockte etc. etc.) aber wie schon Paracelsius sagt: Die Dosis macht das Gift. Deshalb werde ich an dieser Stelle erst einmal innehalten, bevor niemand mehr genug Zeit hat um all das zu lesen.

Soweit also meine erste Woche. In Bruchstücken zugegebenermaßen.
Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und wünsche noch einen wunderschönen Sonntagabend!

Kommentare:

  1. Ich weiß gar nicht, ob ich den Blog überhaupt kennen darf, aber Facebook verrät ja wirklich alles. Deshalb: was für ein schöner Beitrag (ich bin ja immer der Meinung, du solltest ein Buch schreiben, in die Bibliothek kannst du es ja sogar selbst einsortieren - zwei Fliegen mit einer Klappe :-), das klingt wirklich nach einer tollen Einlebezeit. Berlin ohne Mauer hat ja doch seinen Charme, wa, so mit nüber und rüber.
    Ich werde den Blog jedenfalls gleich zu den Bookmarks legen und freu mich schon aufs Weiterlesen. Und bei dem Mistwetter kann gar keine Bibliothek abbrennen, oder?

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  2. Ganz herzlichen Dank! :)

    PS.: Ich muss mir gerade verkneifen zu rufen: Challenge accepted! ;)

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